LMG-Schüler werden Mitautoren

11. Oktober 1987, Genf, Hotel Beau-Rivage, Zimmer 317. Ein toter Mann liegt angezogen in der Badewanne. Es ist der Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein. Ob es Mord war, ist bis heute nicht geklärt. Sicher ist hingegen, dass dies einer der größten Skandale in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland war.
Es gab in der Vergangenheit jedoch auch kleinere Skandale, gerade auf lokaler Ebene. Dies war für die Körberstiftung Grund genug, den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2010 dem Thema "Skandale" zu widmen. SchülerInnen waren aufgerufen, Forschungen zur Lokal- und Regionalgeschichte vorzulegen. Nun ist ein Buch mit fünf ausgewählten Schüleraufsätzen aus Schleswig-Holstein erschienen.
Auch vier Schüler vom LMG wurden ausgewählt und haben ihre Beiträge veröffentlicht. Sie arbeiteten noch weit über den Wettbewerb hinaus an ihren Texten, insgesamt zwei Jahre lang. Für SchülerInnen ist das mehr als ungewöhnlich, ist ihre Zeitplanung doch meist auf wenige Stunden vor den Klassenarbeiten beschränkt.
Die Dreizehntklässler Björn Rohwer und Julian Clement sind sich insofern sicher, viel gelernt zu haben. Sie haben sich mit der Geschichte des nationalsozialistischen "Euthanasie"-Mörders Werner Heyde befasst. Er tauchte nach dem Zweiten Weltkrieg in Flensburg unter - mit Billigung der damaligen Landesregierung. Die beiden Schüler mussten umfangreiche Quellenbestände bewältigen und dabei immer exakt arbeiten. Julian Clement sieht, dass dies große Lernchancen bot: "Im Vordergrund steht die Erkenntnis, dass wissenschaftliche Arbeiten aus enormer Akribie und Sorgfalt heraus entstehen müssen, um wahrheitsgetreu sein zu können." Sein Mitautor Björn Rohwer sieht vor allem den Unterschied zum regulären Unterricht: "Im normalen Schulalltag erhält man nie wirklich die Gelegenheit, Quellen mit einer wissenschaftlichen Genauigkeit zu untersuchen."
Wagma Hayatie ist inzwischen Studentin der Geschichtswissenschaft an der Universität Göttingen und sieht auch rückblickend große Lernerfolge durch die Teilnahme an dem Wettbewerb: "Das Projekt war eine sehr gute Vorbereitung auf die Arbeit in der Uni. Außerdem habe ich gelernt, kritisch mit der Literatur und Quellen umzugehen. Das ist etwas, was im Studium und in vielen Berufen wie z.B. im Journalismus gefragt ist. Insofern war die Arbeit an dem Projekt sehr bereichernd, auch auf lange Sicht." Sie konnte mir ihrer Arbeit über den Mediziner Kurt Borm sogar den Landessieg in Niedersachsen erringen.
Christina Schubert hat ähnlich positive Erfahrungen gemacht. Sie untersuchte erstmals die NS-Vergangenheit der Landtagsabgeordneten nach 1945 und kann die Teilnahme an einem solchen Projekt anderen SchülerInnen nur empfehlen. Man könne dabei "so viel Nützliches und für die Zukunft Brauchbare lernen", weiß sie. Auf die Phasen der größerer Arbeitsbelastung blickt Christina inzwischen gelassen zurück: "Der Stress zahlt sich am Ende auf jeden Fall aus."
Es sind aber nicht nur die Lerneffekte, die die SchülerInnen aus ihrer Arbeit ziehen konnten. Ihr Beitrag zur Geschichtsschreibung darf nicht unterschätzt werden, erforschten sie schließlich mehrere Geschichtsfelder erstmals. Der ebenfalls in dem Buch enthaltene Beitrag einer dreizehnten Klasse vom Otto-Hahn-Gymnasium aus Geesthacht ist dabei ein besonderer Leckerbissen, nicht nur, weil er mit dem Bundessieg ausgezeichnet wurde.
An ihrem Gymnasium trat 1963 der von Hitler zu seinem Nachfolger ernannte Großadmiral Karl Dönitz auf, um vor SchülerInnen und LehrerInnen über die NS-Zeit zu referieren. Die Geschichtsstunde der besonderen Art rief sogar internationale Proteste hervor. Besonders pikant dabei: Ehrfürchtig wurde der verurteilte Kriegsverbrecher Dönitz von dem damaligen Schülersprecher begrüßt, und zwar von Uwe Barschel.


Das Buch ist im Buchhandel erhältlich:
Skandale in Schleswig Holstein. Beiträge zum Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten, Kiel 2012, ISBN 978-388312-4193, 240 Seiten, 9,90 Euro.

S. Zankel